Marie-Luise Kaschnitz: Das dicke Kind. Das 'Unverständliche' an dieser Erzählung liegt darin, daß die Erzählerin von einem Erlebnis berichtet, das sie zwar gehabt hat, aber nach ihrer eigenen Einsicht eigentlich nicht gehabt haben kann: nämlich eine Begegnung mit dem Kind, das sie selber einmal gewesen ist. Aufgeklärt wird dieser Widerspruch nicht, d.h. man kann an einen Traum oder Tagtraum denken, an eine Science-Fiction-Begegnung der 'dritten Art', an eine bloße Verwechslung - oder an einen gewollt widersprüchlichen Text, der mit den Wahrnehmungen des Lesers wie ein Vexierbild spielt. Aber was liegt vor? In der wissenschaftlichen und didaktischen Literatur wird darüber - wie gewöhnlich - nichts gesagt, sondern der Text ohne Umstände 'interpretiert': als das "Abenteuer der Selbstbegegnung", als die Geschichte einer Selbstbefreiung, als symbolische Darstellung eines Wesenswandels usw. Ob und wie man sich das Erzählte überhaupt vorstellen kann, wird nicht erörtert - und doch kann man sich letztlich nur so über Machart und Intention dieser Erzählung ein sicheres Urteil bilden.
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ie Frage, von welchem Moment an man bemerkt, daß es sich nicht um eine wahrscheinliche Begebenheit handelt, wird vielleicht nicht von jedem Leser gleich beantwortet. Die erste wirklich signifikante Stelle des Textes ist aber wohl die, wo die Erzählerin dem dicken Kind folgt und die Stadt, in der sie einige Jahre ihrer Kindheit verbracht hat und in der sie auch jetzt wieder lebt, immer weniger erkennt. Von dieser Stelle an wird die Szenerie immer unwirklicher, nimmt sie mehr und mehr den Charakter eines Traumes an: Der See, dessen Ufer längst bebaut sein müssen, liegt wieder wie in der Kindheit da, das Eis beginnt plötzlich zu schmelzen, die grazile Eisläuferin verschwindet irgendwo in der Ferne, das dicke Kind in seiner Todesangst wird als das eigene Ich erkannt. Daß die Erzählerin sich an ihren Heimweg nicht erinnert, aber auf ihrem Schreibtisch das Foto entdeckt, auf dem sie wie dieses Kind gekleidet zu sehen ist, gibt dann die endgültige Bestätigung der Unwirklichkeit und zugleich die Andeutung einer Erklärung.D
amit setzt nun allerdings auch die Irritation ein. Denn was ist geschehen? |S.46:|Hatte die Erzählerin eine Halluzination, die sich bis in einen Spaziergang hinein fortgesetzt hat? Oder hat sie alles bloß geträumt und ist an ihrem Schreibtisch wieder erwacht? Untersucht man den Text von seinem Anfang her auf nicht-wahrscheinliche Elemente, so wird man gewahr, daß es sie zwar vom ersten Augenblick an gibt - das dicke Kind steht 'plötzlich' in ihrem Zimmer, es kommt ihr bekannt und nicht bekannt vor, es gibt merkwürdige Antworten usw. -, daß deren Bedeutung aber unklar bleibt. Die Erzählerin hält dem Leser gegenüber bewußt mit jeder Information zurück, die ihn vorzeitig über den wahren Zusammenhang aufklären könnte. Ja mehr noch: sie geht auch nachträglich und für sich selber diesem Zusammenhang nicht nach. Denn wie könnte es sonst geschehen, daß sie sich nach diesem für sie so wesentlichen Erlebnis nicht einmal fragt, für welchen Zeitraum sie 'abwesend' war, ob sie wirklich ihrer Nachbarin gegenüber noch geäußert hat, das Seeufer sei ja gar nicht bebaut, und jene ihr widersprochen hat, ob von ihren Vorräten wirklich das verschwunden ist, was das Kind dem Anschein nach gegessen hat u.a.? Ein Versuch, das Geschehen soweit wie möglich zu erklären, wird also ganz bewußt unterlassen. Damit ist aber auch klar, daß dieser Text schon als solcher auf Irritation, ja Verblüffung angelegt ist und den Leser ratloser machen soll, als es die Erzählerin selber ihrem Erlebnis gegenüber ist oder sein müßte.D
ie Frage, ob dieses Verfahren einen über den Spannungseffekt hinausgehenden Zweck verfolgt, ist nicht ohne weiteres zu beantworten. Für die Wiedergabe des Kindheitserlebnisses wäre der darstellerische 'Umweg' nicht nötig gewesen, da man den Sinn der Geschichte auch ohne den Blick auf jenen Umweg verstehen kann, bzw. er in den bereits vorliegenden Interpretationen ja de facto ohne ihn verstanden wird. Handelt es sich mithin nur um einen erzählerischen Trick, Interesse für etwas aufzubauen, das eigentlich von so großem Interesse nicht ist? In der Tat kann die Geschichte eine gewisse Enttäuschung über das verhältnismäßig Private und Anekdotische ihres Gehaltes hinterlassen, erst recht, wenn man erfährt, daß Marie-Luise Kaschnitz hier ihr eigenes Kindheitsproblem dargestellt hat. Andererseits ist aber auch nicht zu leugnen, daß in dieser träumerisch-ungewissen Struktur eine Erfahrung festgehalten ist, die über das erzählte Ereignis hinausgeht, die Erfahrung, daß zwischen Erlebnis und Einbildung, zwischen Gegenwart und Erinnerung manchmal wirklich eine Grenze nicht zu ziehen ist. In der Schule allerdings mag diese Erfahrung dann doch nur schwer zur Sprache zu bringen sein, so daß man an diesem Text vielleicht wirklich nur untersuchen kann, wie hier in einem erzählerisch genau kalkulierten Verfahren schrittweise von einer wirklichen in eine Traumwelt hinübergeleitet wird.